Jesus antwortete (der Samariterin): Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt. Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen! (Joh 4, 13-15)
Faszinierend, mit welcher Freiheit und Toleranz Jesus fremden Menschen begegnet. Das Johannesevangelium überliefert uns die kleine Szene am Jakobsbrunnen in Sychar. Jesus sitzt am Brunnenrand, erschöpft von der Reise, bei glühender Mittagshitze. Genau um diese Zeit kommt eine namenlose Samariterin zum Wasserholen, denn sie will niemandem begegnen. Durch ihre zahlreichen Männerkontakte war sie persönlich und gesellschaftlich ins Abseits geraten. Doch nun nimmt sich der Mann aus Nazareth ihrer an und bitte sie: „Gib mir zu trinken.“
Die Reaktion der Frau ist Erstaunen. Denn für Jesus spielt die jahrhundertealte Feindschaft zwischen Juden und Samaritern keine Rolle, ebenso wenig wie jenes Tabu, dass ihm als Mann, erst recht als Rabbi, verbietet, eine Frau auf der Straße anzusprechen, noch dazu eine Fremde und ausgerechnet eine Samariterin.
Bei der Begegnung am Brunnenrand trifft ein durstiger Mann eine dürstende Frau. Der Jakobsbrunnen wird zum Symbol für einen Lebens-Durst, der stärker ist als alle religiösen und gesellschaftlichen Konventionen. Es geht nicht darum, in begrenzter Lebenszeit dem maximalen Vergnügen nachzujagen und von einem Abenteuer in die nächste Affäre zu stürzen, um sich immer größeren Reizen auszusetzen.
Es geht es um ein Nachspüren des Lebens-Durstes, der mit der Sehnsucht nach einem glutvollen, erfüllten Leben zu tun hat, einem Leben, das über das reine Überleben hinausgeht und über dem sich der Himmel öffnet.
Mit den Worten der Benediktinerin Charis Doepgen laden uns Jesus und die Samariterin ein:
Kommt mit zum Brunnen,
alle, die ihr Leben sucht:
hier ist die Quelle.
Pfarrer Raphael Steinke
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